Stiftung Warentest: Olivenöl wird gestreckt.
Olivenöl wird immer öfter gefälscht. Warum eigentlich?
Als ob die Ergebnisse des aktuellen Öko-Tests nicht gereicht hätten, nun berichtet Stiftung Warentest: immer mehr Olivenöle werden mit Billigöl gestreckt und teuer weiterverkauft. Ein Detail fällt dabei besonders ins Auge.
Was sind die Gründe dafür und ist das Strecken eigentlich verboten? Wir schauen heute auf die Preise, EU-Verordnungen und was Verbraucher:innen unbedingt wissen müssen.
Aufgedeckt: Was ist passiert?
Stiftung Warentest hat einen Bericht (12.06.2026) veröffentlicht, der aufhorchen lässt: Das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) Stuttgart hat 2024 und 2025 insgesamt 534 Olivenöle untersucht – 473 davon als „nativ extra“ deklariert, also der höchsten Güteklasse.
Das Ergebnis: 11 % dieser Premium-Öle waren mit billigen Fremdölen gestreckt, meist mit raffiniertem, teils sogar ranzigem Sonnenblumenöl, oft zusätzlich mit Farb- und Aromastoffen versehen. In den Vorjahren lag diese Quote noch bei 2-3 % Prozent.
(2024–2025)
mit Fremdöl gestreckt
in Qualität/Kennzeichnung
seit 2022
Bemerkenswert ist dabei eine Einordnung, die Stiftung Warentest selbst vornimmt: In den eigenen Olivenöl-Tests kamen solche Fremdöl-Fälschungen in den vergangenen Jahren nicht vor. In diesen Tests werden meistens Öl aus Supermärkten, Discountern und Drogeriemärkten getestet. Die vom CVUA aufgedeckten Fälle betrafen vor allem Großgebinde, die über kleine Einzelhändler, Gastronomie und Online-Marktplätze verkauft wurden.
Als kleiner Direkterzeuger nehmen wir das zum Anlass, einmal genauer hinzuschauen:
- Was bedeutet „Strecken“ eigentlich genau?
- Warum lohnt sich das so sehr?
- Und, was vielleicht überrascht: wo verläuft die Grenze zwischen illegalem Betrug und ganz legaler Praxis, die im Olivenölmarkt seit Jahrzehnten fest eingebaut ist?
Was "Strecken" konkret bedeutet
Strecken heißt: Ein teures Produkt wird mit einem günstigeren Produkt vermischt, meist unbemerkt, manchmal mit kosmetischen Tricks wie Farb- oder Aromastoffen, damit das Ergebnis weiterhin wie das Original aussieht und schmeckt.
Bei Olivenöl heißt das in der Praxis: hochwertiges natives Olivenöl extra wird mit raffiniertem Pflanzenöl verdünnt und unter dem teureren Namen weiterverkauft. Verdünnt wird oft mit z. B. Sonnenblumenöl.
Übrigens: An diesem Negativbeispiel sieht man, dass Indikatoren wie die Farbe oder das Aroma nicht ausreichen, wenn es um die Qualität eines Olivenöls geht. Gutes Olivenöl erkennt man vielmehr an der Herkunft, am Etikett und der Sensorik.
Ein Blick auf die Zahlen: Fälschen rechnet sich.
Olivenöl ist unter normalen Erntebedingungen etwa 3-4-mal so teuer wie Sonnenblumenöl. So beschreibt es das CVUA Stuttgart selbst. Im Frühjahr 2025 lag der Durchschnittspreis für natives Olivenöl extra in Italien bei knapp 9,70 Euro pro Kilo, raffiniertes Olivenöl bei rund 3 Euro, Sonnenblumenöl international sogar nur bei etwa 1,40 Euro pro Kilo.
Was viele nicht wissen: Strecken ist teilweise ganz legal.
Was viele nicht wissen: Die EU-Verordnung selbst kennt 4 Olivenöl-Kategorien. Zwei davon sind per Definition Mischprodukte.
„Natives Olivenöl extra“ und „Natives Olivenöl“ (Güteklassen 1 und 2) müssen ausschließlich mechanisch aus Oliven gewonnen werden. Hier ist Mischen verboten.
Doch die Kategorie „Olivenöl“ (Güteklasse 3) ist laut Definition eine Mischung aus raffiniertem Olivenöl und nativem Olivenöl. Das Mischungsverhältnis ist gesetzlich nicht festgelegt. In der Praxis reichen oft schon ein bis zwei Prozent natives Öl, damit das Produkt überhaupt wieder nach Olive schmeckt.
Noch deutlicher wird es bei „Oliventresteröl“ (Güteklasse 4): Das ist Öl, das mit Lösungsmitteln aus den Pressrückständen – Kernen, Schalen, Fruchtfleischresten – extrahiert wird. Rohes Tresteröl ist nicht zum Verzehr geeignet. Damit es verkauft werden darf, muss es raffiniert und mit nativem Olivenöl vermischt werden – auch hier ohne vorgeschriebenes Mindestverhältnis. Diese Mischung ist nicht der Betrug. Sie ist die gesetzlich definierte Kategorie.
Mit anderen Worten: Ein Teil dessen, was umgangssprachlich als „Strecken“ verpöhnt wird, ist im Regal ganz offiziell als eigene Güteklasse gekennzeichnet.
Was bedeutet das für den Kauf?
Der eigentliche Skandal ist also zweigeteilt. Auf der einen Seite steht der klare Rechtsbruch: nicht deklarierte Fremdöle, gefälschte Herkunftsangaben, Farbstoffe.
Auf der anderen Seite steht ein legales System, das Mischprodukte erlaubt und sie unter Bezeichnungen verkauft, die für den Laien kaum von echtem Olivenöl zu unterscheiden sind.
Für beide Fälle gilt derselbe Schutz: Nur „Natives Olivenöl extra“ garantiert, dass ausschließlich mechanisch gewonnenes Olivenöl ohne jede Beimischung in der Flasche ist. Vorausgesetzt, die Angabe stimmt auch tatsächlich.
Und genau hier kommen die Werte ins Spiel, die ein Labor liefert: Säuregehalt, Polyphenolgehalt, Peroxidzahl. Diese Zahlen lassen sich nicht schönreden – sie zeigen, ob ein Öl wirklich das ist, was auf dem Etikett steht.
Wer Wert auf das legt, was tatsächlich aus der Olive kommt, kommt an einem Blick auf die Güteklasse – und an Erzeugern, die ihre Laborwerte offenlegen – nicht vorbei.